Unsere Kleinsten

 

Unsere kleinsten einheimischen Vögel sind die Goldhähnchen. „Stimmt nicht“, höre ich von manchen sagen, „unser Kleinster ist doch der Zaunkönig. Den Namen Goldhähnchen habe ich noch nie gehört.“ Schade.

 

 

Tatsächlich ist der Zaunkönig (Gewicht: 10g; Länge: 10cm) um 4 Gramm schwerer und um 1 Zentimeter länger als ein Goldhähnchen. Aber der Zaunkönig ist halt viel bekannter. Man entdeckt den kleinen Kerl zwar nicht so leicht, wenn er durch dürres Graswerk oder niedriges Gebüsch wie eine Maus dahinschlüpft, aber wenn er sich – vor allem im Frühjahr – auf einem Baumstupf oder auf der Spitze eines Strauches präsentiert und sein wirklich nicht zu überhörendes Liedchen schmettert, dann kann man ihn nicht mehr übersehen. Der kurze Schwanz ist nach oben gestellt und aus seinem weit aufgerissen Schnabel leuchtet sein orangefarbener Rachen.

 

 


Sein Lied besteht aus einer kürzeren Strophe mit Rollern und Trillern, die er fleißig wiederholt. So verkündet das Männchen: „Hier ist mein Revier und ich suche ein Weibchen“. Dass er sein Revier auch mit aller Kraft verteidigt, konnte ich eindrucksvoll erleben. Ich habe einmal ein singendes Männchen neben einer großen, ausgespülten Uferböschung beim Singen beobachtet. Da ich neugierig war und sein Nest in dieser Höhle vermutete, stieg ich die Böschung hinab und streckte den Kopf in die Höhlung. Da hat er mich mehrmals attackiert, ist mir mit lautem, schimpfenden Geschrei fast ins Gesicht geflogen und ich habe mich tief beeindruckt zurückgezogen. Mit so viel Schneid gehört er eigentlich zu den ganz Großen!

 

 

Sein Nest, gebaut aus Moos, gleicht eher einer Kugel, befindet sich gut getarnt in einer Nische, in einer Baumspalte oder einem Wurzelwerk und hat eine seitliche Öffnung. Kein Grund für den Kuckuck, nicht auch da sein Ei hinein zu legen. Ein Freund hatte einmal ein  Zaunkönignest mit einem Kuckucksjungen beobachtet. Junge Kuckucke schlüpfen eher und schieben mit dem Rücken die Wirtsvogeleier und –jungen aus dem Nest, um sich dann alleine füttern zu lassen. Dieser Jungkuckuck war freilich so eifrig, dass er selbst aus dem Nest stürzte und am Boden verhungerte.

 

 

 

balzender und (rechts) sich gegen Rivalen verteidigender Zaunkönig

 

 

Während man einen Zaunkönig eher in Bodennähe findet, muss man die Goldhähnchen in den Wipfeln, vor allem in Nadelbäumen suchen. Es gehört viel Glück dazu, sie auf Augenhöhe beobachten zu können. Das gelingt meist nur, wenn man selber auf einem Felsen steht, auf einem Hochstand sitzt, und viel Geduld und ebenso viel Glück hat, dass die Vögel zufällig heranfliegen und mit ihren feinen, spitzen Schnäbeln die Nadeln nach Insekteneiern absuchen. Es ist mir aber auch schon passiert, dass eine Familie mit ihrem Nachwuchs um meinen Kopf herum die niedrigen Äste einer Fichte absuchte. Die Vögel waren überhaupt  nicht scheu und wuselten mit feinen Piepsern Fühlung haltend um meinen Kopf herum.

 

 

Heißt das nun, dass man normalerweise so gut wie keine Chance hat ein Goldhähnchen zu sehen? Nein, überhaupt nicht. Vögel findet man vor allem dadurch, dass man sie hört. Goldhähnchen singen im Frühjahr ein leises, zartes Lied, das sich wie „sisisisi…“anhört. Jetzt kommt’s drauf an, genau hinzuhören. Bleibt die Tonhöhe immer gleich oder schwankt sie? Gleiche Tonhöhe hat das Sommergoldhähnchen, beim Wintergoldhähnchen wechselt sie. Bei uns kommen nämlich zwei Goldhähnchenarten vor. Diese grünlichen Zwerge mit einem hellen Streifen quer über den Flügeln kann man am besten am Kopf unterscheiden. Das Sommergoldhähnchen präsentiert sich farbenprächtiger, die „Zwillingsschwester“  eher bescheidener.

 

Wintergoldhähnchen (links) und Sommergoldhähnchen (drei Bilder rechts)

Das Sommergoldhähnchen habe ich viel häufiger gefunden als das Wintergoldhähnchen

 

 

Für einen Naturbeobachter bedeutet es ein „Highlight“ – wenigstens war es bei mir so – ein Nest zu finden. Beschrieben wird es als eine kleine Kugel, die in den Nadelbaumzweigen hängt. Mir ist es ein einziges Mal gelungen, ein Nest zu finden. Ich habe ein Goldhähnchen mit Nistmaterial im Schnabel fliegen sehen, bin der Flugrichtung des Vogels gefolgt und konnte schließlich beobachten, wie er an seinem Nest weiterbaute. Baumaterial: nur Flechten und Moose, das Nest überhaupt nicht von seiner Umgebung unterscheidbar, platziert auf einem Ast einer Kiefer und direkt angelehnt an den Stamm. Naja, dachte ich mir, wieder einer, der die Fachliteratur nicht gelesen hat.

 

 

Nebenbei bemerkt, die Namenszusätze „Sommer-“ und „Winter-“ haben durchaus einen Grund.
Die Sommergoldhähnchen sind Zugvögel, sie verlassen uns im Winter, während die „Zwillingsschwestern“ auch vermutlich im Winter bei uns sind. Allerdings wissen wir nicht, ob „unsere“ Wintergoldhähnchen im Winter tatsächlich da bleiben oder doch eine gewisse Strecke nach Süden ziehen und damit die, die wir beobachten können, nur aus dem Norden zu uns „nachgerutscht“ sind und in Trupps durch die Wälder streifen.

 

Werner Oertel