Kiesgruben – Wertvolle Lebensräume im Pionierstadium

Eine Kiesgrube. Irgendwo im Landkreis Deggendorf

Bericht und Bilder: Werner Oertel

Ich schlendere durch das Gelände und entdecke eine Vielzahl von Leben: einen Rehbock, einen Hasen, mindestens 20 Girlitze, Stieglitze, Feldsperlinge, Dorngrasmücken, Rauch-, Mehl- und Uferschwalben, Bachstelzen, einen Flußregenpfeiffer, Bluthänflinge, einen Fasan, mindestens 4 Turmfalken, Amseln, einen Eisvogel, im Wasser Stock-, Schnatter- und Kolbenenten  und auf ihrer Beobachtungswarte….. 2 exotisch bunte Bienenfresser. Über dem Wasser schwirren hunderte von Libellen, ich erkenne den großen Blaupfeil und die kleine Königslibelle, auf den Erdwällen rings um das Wasserloch hunderte von anderen Insekten, zu allen möglichen Arten gehörend, Heuschrecken, Käfer, Wanzen, verschiedenste Fliegen und Wildbienenarten….. in einer flachen Wasserstelle jagt eine Ringelnatter auf Frösche.

Jetzt schaue ich mich genauer um. Die erwähnte Insektenvielzahl befindet sich an unscheinbaren Pflanzen. Wir haben im Juli 2020 auf einem Streifen von etwa 80m Länge über 50 Arten gefunden. Das weiße kleinblütige Berufskraut, der gelb blühende Mauerlattich und verschiedene Distelarten waren dominant.  Pflanzen, die alle in den meisten unserer Gärten als Unkraut ferngehalten werden. Und gerade sie sind für die Insekten verlockend. An niedrigen Steilwänden der aufgeschütteten Erdwälle sind zahllose Löcher, ihr Durchschnitt hat wenige Millimeter. Sie sind die Wohnstätten vor allem der Wildbienen.  

Eine andere Steilwand, wesentlich höher, das Wasser begrenzend besitzt größere Löcher von mehreren Zentimetern Durchmesser. Hier wohnt eine Kolonie der Uferschwalben, mindestens 30 Brutpaare, sie haben die bis zu 1 Meter lagen Löcher selber mit ihren Krallen herausgescharrt, ganz hinten ihre Nester gebaut. Rastlos fliegen die Eltern wie ein Mückenschwarm über dem Wasser, fangen Fliegen und andere Insekten und füttern damit ihre Jungen, die schon aus den Löchern heraus lugen.  

Auf der anderen Seite dieses Erdhaufens sind an seinem Fuße vom Regen gefüllte Wasserlachen zurück geblieben. Hier ist eine Ansammlung von Mehl- und Rauchschwalben, die kleine Lehmklumpen mit dem Schnabel herauspicken und diese zum Bau ihrer Nester tragen, die irgendwo in menschlicher Umgebung sind.

Der große Hit sind aber die Bienenfresser. Sie sitzen auf ihrer Warte, beobachten in allen Richtungen die Umgebung, starten blitzschnell zu einem Segelflug und kommen meist mit einer großen Libelle im Schnabel auf ihren Sitzplatz zurück. Jetzt beginnt ein Spiel mit der Beute: sie werfen die Libelle in die Luft, fangen sie wieder auf. Dieses Spiel wiederholt sich mehrmals – sie scheinen ihre Beute zu kneten, mundgerecht zuzubereiten. Endlich wird sie entweder verschluckt oder in die Brutröhre gebracht, um den Nachwuchs zu füttern. Bienenfresser graben nämlich auch – ähnlich wie die Uferschwalben – lange Brutröhren, in denen sie ihre Jungen aufzuziehen. Vorher, während der Zeit des Balzverhaltens bot immer wieder das Männchen dem Weibchen eine Libelle als Geschenk an. Schmunzelnd beobachtete ich, wie sie sich – aus menschlicher Sicht – zierte,  bis sie endlich gnädig das Geschenk übernahm und dann doch  verschluckte. Letztlich war die Erwartungshaltung von ihm, dass sie sich endlich zur Begattung bereit erklärte.

Ein interessantes Detail war es zu sehen, dass die unverdaulichen Teile des Insektenpanzers als Gewölle herausgewürgt wurden. Der Boden unter dem Sitzplatz der Vögel war bald mit ca 1 Zentimeter großen, eiförmigen Bällchen übersäht.  

Und das war der Beginn von all dem Geschilderten: ein großes Loch im Boden, dem Kies entnommen war und das sich mit Wasser gefüllt hat. Die ursprüngliche Erd-Überdeckung ist in Haufen und Wällen seitlich aufgeschüttet.

Es ist ein neues Biotop entstanden. (Die Übersetzung dieses Fachbegriffes heißt wörtlich „Lebensraum“.) Genauer gesagt: Raum für – in diesem Fall – neues Leben. Denn der zuerst vorhandene Acker war auch ein Lebensraum, ein Biotop – allerdings für eine ganz andere Zusammensetzung von Lebewesen. Das Besondere am „Biotop Kiesgrube“ ist, dass hier ein Lebensraum entsteht, der völlig neu besiedelt wird von Arten, die eben diese „Pionierlandschaft“ zum Leben brauchen. Bei uns existiert eine derartige Pionierlandschaft  praktisch nur noch aus Menschenhand. Früher wurde diese  regelmäßig von den Hochwässern der Bäche und Flüsse geschaffen. Doch heute fließen Bäche und Flüsse weitgehend gezähmt zwischen Dämmen.

Und so können sich in Kiesgruben, die von Menschen zu einem ganz anderen Zweck angelegt werden, wieder Arten ansiedeln,  die mehr und mehr aus unserer Landschaft verdrängt wurden. Das macht Kiesgruben aus der Sicht des Naturschutzes so wertvoll.

Aber zwei Bedingungen müssen erfüllt sein:

  • Zum  einen müssen die fraglichen Arten (z. B. Flussregenpfeifer, Uferschwalben, neuerdings der Bienenfresser….) im Umfeld der Kiesgrube überhaupt noch existieren, um in den neu geschaffenen Lebensraum vordringen und sich ansiedeln zu können. Deshalb sind „Biotop – Verbünde“ so wichtig!
  • Zum anderen müssen die Kiesgruben noch „jung“ sein.  Im Laufe der Zeit verflachen nämlich die Steilwände, weder Vögel noch Insekten können ihre Löcher graben. Und auch die Pflanzenwelt verändert sich von einem Jahr zum anderen. Die Sukzession nimmt ihren Lauf.  Schon nach 2-3 Jahren wachsen Weiden, Pappeln und Erlen auf. Sie werden in den kommenden Jahren die jetzt blühenden Stauden überwachsen und zurück drängen. Keine Blüten, keine Nahrung für Insekten, keine Beute für Vögel. So verschwinden Uferschwalben und Bienenfresser. Auch der Flußregenpfeifer, der seine Eier zwischen den blanken  Kieselsteinen ablegt, kann hier nicht mehr leben. Und alle Arten, die die reifen Sämereien ernten, in der niedrigen Vegetation Insekten und Spinnen fangen und ihre Nester bauen, werden bald nicht mehr zu finden sein.

So entsteht für Flora und Fauna und damit für den Naturschutz ein neues Problem: wie lassen sich Lebensräume in einem frühen Entwicklungsstadium (Pionierstadium) erhalten? Eine Lösung hieße: immer wieder entbuschen und Steilwände abgraben. Die bessere Lösung wäre, wenn vor allem der amtliche Naturschutz (der entsprechende Auflagen erteilt) mit Kiesgrubenbesitzern Übereinkommen erzielen könnte, dass die neuen, „jungen“ Flächen für wenige Jahre erhalten blieben, bis wieder neue Kiesgruben entstanden sind. Die jeweils neuen Kiesgruben würden wieder die Bedingungen eines Pionierbiotops erfüllen und die genannten Arten würden schnell wieder einwandern und sich ansiedeln. Ihre Überlebensstrategie ist doch der dauernde Wechsel vom alternden zum jungen Lebensraum. Die „alten“ Gruben hätten ihren Dienst getan und könnten ihrer weiteren Bestimmung übergeben werden (wie Wiederverfüllung, Badesee, Fischerei).