Federlesen

Findet man am Geiersberg fünf kleine Vogelfedern, ist das normalerweise nicht des Federlesens wert. Manchmal lohnt es sich aber genauer hinzuschauen, manchmal kann man aus den Federn nämlich lesen.

Drei dieser Federn sind am Foto zu sehen. Der Vogelfreund erkennt sofort, dass es sich um Federn vom Kernbeißer handelt, und zwar um Federn vom linken Flügel. Einfach nur ausgefallen sind sie nicht. Es liegen nämlich zu viele kleine Federbüschel umher. Der Vogel muss einem Beutegreifer zum Opfer gefallen sein. Da kommt wiederum nur ein Greifvogel in Betracht, denn die Federn sind ausgerupft – die Kiele noch vollständig. Wäre ein Fuchs, ein Marder oder eine Katze der Täter gewesen, wären sie abgebissen. Wer kann hier am Geiersberg als Raubfeind in Frage kommen?

Ich sehe drei Möglichkeiten: ein Falke, ein Sperber oder ein Kauz.

Die Bilder zeigen der Reihe nach: adulter Waldkauz, junger Waldkauz (wurde in der Nähe der Kernbeißerfedern gefunden), Waldohreule, Sperber, Wanderfalke und Turmfalke.

Kernbeißer

Foto: Heinz Tuschl
Foto: Heinz Tuschl

Wer den Kernbeißer nicht kennt: der Vogel ist deutlich größer als ein Spatz, mit seinem kurzen Schwanz wirkt er eher plump, und auffallend ist sein kräftiger, klobiger Schnabel mit dem er sogar Kirschkerne aufknacken kann. Leider kann man ihn nicht oft beobachten, er lebt in den Baumkronen und verrät sich dem Kenner nur durch einen kurzen, hohen und scharfen „Zick-Ruf“. Sein Gesang ist unscheinbar und kaum zu hören.

 

 

 

Gedankenspiele

Dieses Thema weckt auch Gefühle. Ist es nicht grausam, wie der arme Kerl ums Leben kam?

Klar, wenn ich mich in den Kernbeißer hineinversetze, dann ja. Da kommt ein Tier, das mehrfach größer ist als ich, reißt mir erst meine wenigen Haare vom Kopf, erdolcht mich (Sperber) oder tötet mich mit seinem Schnabel (Falke, Kauz). Ich hatte Pech, mein Fressfeind Glück. Er ist satt geworden. Und das ist auch Natur: die einen fressen, die anderen werden gefressen. Manche Tiere sind ausschließlich Fleischfresser, sie sind von ihrem Verdauungssystem auf Fleischnahrung angewiesen. Der Mensch wäre ist nicht unbedingt, dennoch züchtet er – oft unter unwürdigen Zuständen – seine Fleischnahrung.

Doch nun ein emotionsfreier Blick auf die Natur: Der Kernbeißer ernährt sich von Früchten und Samen (für die Aufzucht seiner Jungen braucht er allerdings auch Fleischnahrung wie Insekten, Würmer….). Der Kauz vom Kernbeißer, anderen Kleinvögeln, Mäusen, Fröschen…. Aber auch der Kauz selbst kann wieder einem größeren Beutegreifer zum Opfer fallen, beispielsweise einem Uhu. Das ist eine Nahrungskette, die sich normalerweise zu einem Nahrungsnetz verzweigt. 

Noch eine Frage drängt sich auf: Wird denn nicht irgendwann einmal das Beutetier – in unserem Fall der Kernbeißer – vom Fressfeind ausgerottet? Die Antwort darauf muss ein bisschen umfangreicher ausfallen:

 

Nehmen wir an, der Fressfeind war ein Waldkauz. Dieser wiegt ca. 600 Gramm. Um dauerhaft am Leben zu bleiben, muss nach einer Faustregel in seinem Revier sein zehnfaches Gewicht an Futtermenge prinzipiell zur Verfügung stehen. Sein Lebensraum muss also so groß sein, dass dieser ihm dauerhaft ein Angebot von 6 kg Futter zur Verfügung stellen kann. Sollte er seine Futterquelle allmählich „ausdünnen“, umgangssprachlich: nach und nach auffressen, bedeutet das, dass er seinen Lebensraum vergrößern muss, um 6 kg Futter finden und überleben zu können. Er wird in das bisherige Revier eines „Kauz-Nachbarn“ eindringen und diesen vertreiben. Die Zahl der in einem Gebiet lebenden Käuze wird folglich abnehmen, um die Verbleibenden ausreichend mit Futter versorgen zu können. Mit anderen Worten: Das Beutetier regelt die Dichte seiner Fressfeinde und nicht umgekehrt! Und die Überlebenschancen des Beutetiers wiederum hängen von der Verfügbarkeit von dessen Futter ab.

Denn: Die Überlegung mit der zehnfachen potentiellen Nahrungsmenge gilt auch für den Kernbeißer. Würde also ein Kauz – sehr vereinfacht dargestellt – sich ausschließlich von Kernbeißern ernähren, und ein einzelner Kernbeißer 50 g wiegen, müssten 120 Kernbeißer in seinem Revier leben, damit der Kauz 6 kg Futter erhält. Von diesen 120 Kernbeißern wiederum bräuchte jeder einzelne 500 g Pflanzenfutter, 120 Kernbeißer also zusammen 60 kg Pflanzen. Nur wenn das Areal eine Größe aufweist, die diese Menge an Pflanzenfutter produziert, können 120 Kernbeißer dauerhaft überleben und damit auch ein (1!) Waldkauz. Damit wird aus der Nahrungskette ‚Pflanzen – Kernbeißer – Kauz‘ eine  Nahrungspyramide. Sie muss unten sehr breit sein (viele Pflanzen) und wird nach oben immer schmäler. Je weiter oben eine Tierart in der Nahrungspyramide steht, umso seltener wird diese. (Anmerkung: Natürlich frisst ein Kauz in der Realität nicht nur Kernbeißer, aber das Prinzip des Bedarfs an Pflanzen für die Beutetiere bleibt dasselbe.)

 

Auch der Mensch steht an der Spitze einer Nahrungspyramide und für ihn werden seine Fleischlieferanten in Ställen oder Käfigen eingepfercht wachstumsanregend gefüttert (durch Kraftfutter, Hormonzugaben und Medikamente). Die Tiere benötigen durch die erzwungene Bewegungslosigkeit zwar weniger als das Zehnfache an Nahrung, aber doch noch eine ganze Menge. Es ließe sich der Energieaufwand für unsere Nahrungsherstellung erheblich verringern, wenn wir statt Schweinefleisch die „Futterkartoffeln“ essen würden! - Scherzhaft ausgedrückt: Viele Menschen tun das, aber erst wenn die Kartoffeln durch das Schwein hindurch gegangen sind. Damit müssen sie auch nicht auf die in der Nahrungskette mitgelieferten Hormone und Medikamente verzichten. - Weniger Fleisch wäre gesünder und würde die Ressourcen besser schonen.

 

Weniger Fleisch wäre gesünder und würde die Ressourcen besser schonen.

 

Wieder zurück zum Ausgangspunkt. Die gefundenen Federn haben mir die Erkenntnis gebracht, dass es am Geiersberg Kernbeißer gibt, dass er hier auch Fressfeinde hat (ein junger Waldkauz, der auch noch groß werden will, wurde vor kurzem entdeckt) und diese Federn haben mich zu Gedankenspielen angeregt, die in ihrer Bedeutung weit über den Federfund hinaus gehen.

 

Noch ein Hinweis: Es ist verboten, aus der Natur Federn mitzunehmen. Ich habe es dennoch getan, sie gescannt und selbstverständlich sofort wieder an den Fundort zurück gebracht. Schließlich muss man an die Sinnhaftigkeit von Gesetzen glauben, ganz gleich, ob sie aus wirtschaftlichen, politischen oder sonstigen Gründen gemacht wurden. Ist nicht dem Gläubigen die Seligkeit versprochen?

Werner Oertel