Greifvogelvergiftungen

Beispiele

In den letzten Tagen und Wochen berichtete unsere Presse immer wieder von Funden toter Greifvögel, bei denen Vergiftungsverdacht mit Carbofuran besteht. Um das festzustellen, ist eigentlich  keine Untersuchung in der Klinik für Vögel in Oberschleißheim erforderlich. Die Opfer zeigen krampfhaft eingezogene Krallen, die von ihrem Todeskampf durch die Nervenschädigung zeugen, oft sind sogar die Fliegen und Käfer tot, die typischerweise auf verwesenden Tieren zu finden sind. Entdeckt man auch noch blaue Körnchen, kann man sicher sein, dass der Giftstoff das in Deutschland verbotene hochgiftige Nervengift Carbofuran ist. Ein Spiel mit diesem Gift ist kein Kavaliersdelikt!

Ich habe selbst schon mehrfach getötete Tiere gefunden. Nicht nur Gift war da zum Einsatz gekommen: auch Fallen, z.B. verbotene Schlagfallen. Einen Bein-amputierten Bussard kann sich jeder in der Vogelsammlung des Comenius-Gymnasiums zeigen lassen. Oder Schrot. Ich besitze eine Röntgenaufnahme von einem Storch(!), auf der man die Schrotkugeln erkennen kann.

 

 

Bericht des Tierarztes:

  • Mutiple Verletzungen an Zehen, Gesicht, Flügel und am Körper. 
  • Bewusstseinseintrübungen vermutlich von einer Kollision.
  • Bei der Röntgenaufnahme wurden 2 Schrottkugeln im Körper festgestellt. Eine Schrottkugel in der linke Kniefalte, die zweite Schrottkugel im caudalem Abdomen.
  • Eine Untersuchung des Bleispiegels wäre zu empfehlen.

 

 

 

So könnte eine Vergiftung vorbereitet werden

Im April 2020 beobachtet ich eine Rohrweihe, die immer wieder am gleichen Platz in einem Acker landete.

Bei der Nachsuche fand ich an dieser Stelle einen abgetrennten Hasenkopf.

Ein Anfütterungsplatz?

Was sind die Motive?

"Ungeziefervernichter"

Eine erste Gruppe möchte ich „überzeugte Ungeziefervernichter“  nennen. Solche Menschen haben eine Art besonderen „Sauberkeitswahn“ und definieren viele Lebewesen pauschal als Ungeziefer, das es auszurotten gilt. So habe ich im Laufe meines Lehrer-Seins nach der Biologiestunde manch‘ vertrauliche Information von meinen Schülern erhalten, wie „mein Onkel zertritt jeden Käfer und erschlägt jeden Frosch und jede Schlange…“. Auch ich selbst hatte als Siebenjähriger eine Phase, in der ich den (damals noch) vielen, höchst lästigen Fliegen den Garaus machen wollte und alle Fliegen erschlug, die ich erwischen konnte. Als die Fliegen freilich auch nach Wochen nicht weniger wurden, gab ich auf, ohne damals schon den Grund zu kennen: Ihre Vermehrungsrate ist enorm, was mein Bemühen selbstverständlich aussichtslos machte.

Wird diese „Das-gehört-weg“-Einstellung, die wohl jeder von uns im Kleinen kennt (etwa Ameisenstraßen durch die Wohnung), generalisiert oder auf ausgemachte „Unwesen“ projiziert, dann kann das im Extremfall (!) zu solch‘ grausamen und illegalen Taten führen, weil die jeweilige Art das Pech hatte, zum „Ungeziefer“ ernannt worden zu sein und nun verfolgt wird – koste es, was es wolle.

"Schaden vermeiden"

Eine zweite Kategorie von Personen geht von „erlittenem Schaden“ aus. Den in völlig unterschiedlicher Weise (gefühlt) Geschädigten ist gemeinsam, dass sie ihnen wertvoll erscheinende Arten gefährdet sehen und deshalb schützend eingreifen. Wiederum wenden nur ganz wenige Menschen illegale Mittel an und werden zu „Tätern“, aber die Dynamik, gegen einen jeweils ausgemachten Feind etwas tun zu können, geradezu zu sollen, ist weit verbreitet.

Durchaus vorstellbar ist das beispielsweise für einen Bauernhof mit Kleinvieh. Ein Habicht schlägt eine Henne und krallt sich an ihr fest – bis die Großmutter, so geschehen, den Habicht mit einer Mistgabel ersticht. Es kann auch vorkommen, dass eine Habichtsfalle von den Dorfbewohnern in regelmäßiger Abwechslung von Haus zu Haus auf dem Hinterhof aufgestellt wird. Oder – das ist für heutige Verhältnisse unvorstellbar – es wurden in der Nachkriegszeit im Frühjahr auf den Wiesen einige vergiftete Hühnereier ausgelegt, um die zahlreichen Kiebitznester vor Fressfeinden zu „schützen“. Die Kiebitzeier wurden nämlich von den Menschen selbst regelmäßig zum eigenen Verzehr abgesammelt.

"Erhaltung des biologischen Gleichgewichtes"

Vielfach wird aber auch ein „gezielter“ Eingriff in die Natur als notwendig gesehen und argumentativ  mit dem „biologischen Gleichgewicht“ untermauert. Salopp ausgedrückt versteht man unter ‚biologischem Gleichgewicht‘, dass in der Natur alles sehr fein aufeinander abgestimmt ist und sich ein einmal eingespielter Zustand von selbst aufrechterhält. Es sei denn, er wird gravierend gestört. Als  Beispiele für derartige Störungen gelten: das vermeintliche Überhandnehmen von Greifvögeln, oder das von Raubtieren (wie Fuchs, Marder), oder von Huftieren (wie Reh , Wildschwein), wie auch von Fischfressern (wie Reiher, Kormoran, früher sogar Eisvogel).

Kritische Betrachtung

Ein Problem dabei: Bauern, Fischer, Jäger, Naturschützer leben jeweils in ihrer Welt und haben daher auch ihre eigene Vorstellung vom „biologischen Gleichgewicht“ im Kopf, mit dem sie nun ihr edles Eingreifen zur Rettung der Natur begründen. Jede Gruppe hat ihre Schützlinge und kann deshalb auch deren und somit ihre Feinde ausmachen: Forellen sind vor dem Fischotter zu schützen, Brachvögel vor dem Fuchs, usw. 

Ein zweites Problem: Kann es denn in „unserer Natur“, also dem, was wir heute als Natur bezeichnen, überhaupt noch ein Gleichgewicht zwischen Fischen und Kormoranen, Rebhühnern und Greifvögeln, Brachvögeln und Füchsen usw. geben? Ich glaube das nicht. Denn dafür existieren die Grundlagen nicht mehr. Unsere Landschaft wurde so massiv umgestaltet, dass sich die Lebensbedingungen für sämtliche Tierarten elementar verändert haben. 

Für manche Arten haben sie sich stark verbessert. So kennt z.B. der Fuchs (durch die „Schluckimpfung“ mit entsprechend präparierten Ködern) keine Tollwut mehr, die die Fuchspopulation vorher immer wieder dezimiert hat.

Andere Arten dagegen, z.B. das Rebhuhn, haben ihren angestammten Lebensraum verloren, weil Hecken der Flurbereinigung zum Opfer fielen. Heute unvorstellbar, aber in meiner Kindheit gab es Mengen an Rebhühnern, die sich im Herbst nicht nur zu Familienverbänden („Ketten“), sondern vielfach auch zu Familiengruppen („Völkern“) zusammengeschlossen haben. Wenn ich jetzt einmal im Jahr ein einziges Rebhuhn sehe, ist das schon viel.

Fischer beklagen sich über den Fischotter, der die letzten Bachforellen frisst. Kaum zu glauben, wie viele Forellen es im Gegensatz dazu früher gab! Als Buben konnten wir sie sogar mit der Hand fangen. Heute ermöglichen auch Bäche wie der Reschbach nur noch wenig Leben: Bei der Schneeschmelze ist das Wasser schon sauer, und das verstärkt sich das ganze Jahr über durch die Huminsäuren, die aus den Fichtennadeln ausgespült werden und am Boden verrotten. Also gibt es kaum mehr Insektenlarven und somit kaum mehr Nahrung für Forellen. Wenn ich am Bogenbach spazieren gehe, kann ich zwar auf den Bachgrund sehen, erkenne aber lediglich feinen und groben Sand, Steine, dunkle Algen, Bierflaschen, Blechdosen und Plastikteile – aber keinen einzigen Fisch. Was ist da passiert?

Noch ein Beispiel: die Borkenkäferplage. Wo Mischwälder sein sollten, sind heute vielfach Fichten- plantagen. Die Jahrestemperaturen steigen, die Niederschläge fehlen, die Borkenkäfer tun ökologisch gesprochen „ihre Pflicht“ und beseitigen die kranken Bäume.

Wo ist da noch ein Gleichgewicht? Es sind die Grundlagen im Beziehungsgefüge der Lebensvoraussetzungen dauerhaft verändert – zum vorläufigen Nutzen einiger Arten (den möglicherweise definierten „Feinden“) UND  zum sichtbaren Schaden, gar drohenden Ausrottung vieler anderer Arten (den definierten „Schützlingen“).

Zurück zu den Greifvogelvergiftungen – sicher eine der extremsten und sogar kriminellen Varianten des Eingreifens in die Natur. Welche Personengruppe steht da bei vielen als erste im Verdacht? Die Jäger - denn sie jagen und töten somit Wild. Doch so einfach ist das nicht. Denn zwischen der Jagd und dem Arbeiten mit Giftködern besteht ein gewaltiger Unterschied! Ich persönlich hege für die Jagd durchaus große Sympathie: mit 5 Jahren fing ich Eidechsen, mit 13 Jahren nahm mich ein alter Jäger mit auf die Jagd, bald durfte ich schießen und war ein guter Schütze, nach meiner Volljährigkeit legte ich die Jagdprüfung ab, erst mit meinem Umzug nach Deggendorf tauschte ich das Gewehr gegen ein Fernglas, später kam der Fotoapparat hinzu. Und so setzte ich dann meine intensiven Studien der Natur fort.

Die Jagd war für mich stets eine ambivalente Erfahrung: zuerst der Wunsch, das Wild zu erlegen, und dann - neben dem toten Reh stehend - spürte ich große Betroffenheit und Trauer um dieses Mitgeschöpf. Diese Seite der Medaille kann sich jeder sparen, der sein Fleisch im Geschäft kauft und sein Steak nicht erst töten muss (was in der Frühzeit der Menschheit lebensnotwendig war). Und ich erspare sie mir nun beim Fotografieren. Dafür erlebe ich sie umso stärker, wenn ich sehe, wie unsere Natur scheibchenweise zerstört wird und wieder eine, bis vor kurzem häufige Art verschwunden ist.

 

Die Jagd (eines guten Schützen) hat selbstverständlich ihre Berechtigung: Sie kann der Ernährung dienen ohne quälerische Massentierhaltung, und sie kann eine Überzahl von Schaden anrichtenden Tieren verringern. Denn für eine natürliche Regelung gibt es bei uns zu wenig Fressfeinde an der Spitze der Nahrungskette.

Aber nochmals: Mit Giftködern zu arbeiten oder geschützten Tieren nachzustellen, das ist untragbar für jede(!) Gruppe! Egal, welche Rechtfertigung fürs eigene Gewissen sie sich zurechtlegt – ob „Sauberkeitsmission“ Schaden oder „biologisches Gleichgewicht“.

Mein größter Wunsch wäre ohnehin, dass sich endlich alle an der Natur interessierten Menschen – vor allem auch Jäger, Fischer, Naturschützer, Landwirte - zusammentun würden. Nur gemeinsam lässt sich, wenn überhaupt, die vom Profit getriebene Zerstörung unserer Natur noch aufhalten.

Werner Oertel